

Seit dem Hauptkatalog Nr. 14 bieten wir Ihnen Neodym-Haftmagnete an. Weil Neodym eine der höchsten Koerzitivfeldstärken (Stabilität gegen externe Magnetfelder) aufweist und die höchste Energiedichte mit sich bringt – also die vom Magneten ausgehende Feldenergie –, priesen wir diese Ressource bis in den letzten Katalog (Nr. 24) zurecht als „Kraftwunder“ an. Nun haben wir, wie zu erläutern sein wird, alle Neodym-Magnete aus unserem Sortiment genommen. Trotz vieler zufriedener Kunden. Neodym wird in Mobiltelefonen und Lautsprechern, Kernspintomographen und Hybridautos oder auch Festplatten, Plasmabild- schirmen und Windrädern verbaut. Viele technische Errungenschaften unserer Zeit kommen gar nicht mehr ohne neodymhaltige Magnete aus. Dabei ist der eigentliche Magnet zumeist eine Legierung aus Neodym, Eisen und Bor, denn die Zusammenführung dieser Metalle ergibt die stärkste Magnetleistung. Nur wenige andere haben ähnliche Eigenschaften – Ferrit zum Beispiel. Das ist eine kristalline Eisenform, die bei gleicher magnetischer Leistung wesentlich mehr Masse erfordert als Neodym. Ferrit ist einer der meistverwendeten magnetischen Werkstoffe, die sowohl in industriellen als auch kommerziellen Anwendungen benutzt werden. Ausgangspunkt für die Auslistung war der Hinweis eines (einzigen) Kunden auf einen Fernsehbericht über den Abbau und die Verwendung von Neodym. Vor allem die als besonders grün und sauber geltende Windkraft- branche ist in den Verdacht geraten, ein „schmutziges Geheimnis“ zu tragen – nicht zuletzt durch die entsprechend titulierte Reportage der ARD. Namentlich der Einbau von Permanentmagneten mit Neodym in getriebelosen Direktwindrädern (der Rotor treibt den Generator ohne zwischenliegendes Getriebe an) ist in Verruf geraten.
Schäden an Mensch und Umwelt.
Unsere daraufhin angestrengten Recherchen haben die Bedenklichkeit des Materials eher bestätigt als entkräftet. Neodym zählt zu den Metallen der Seltenen Erden. 97% des weltweiten Bedarfs an Seltenen Erden werden in China gefördert. Der Abbau des Gesteins und die Extraktion des Neodyms aus den abgebauten Rohstoffen gehen zumeist mit erheblichen Umweltschäden einher. Wie man sagt, enthalten die Flöze giftige Schwermetalle sowie radioaktives Thorium und Uran, die beim Abbau und der Weiterverarbeitung freigesetzt werden und Flora und Fauna kontaminieren können. Folge dieser Verseuchung sind, so wird vermutet, höhere Krebsraten und daraus resultierende Todesfälle in direkter Nähe zu den Minen und deren Auffangbecken und Abraumhalden. Bei der Bemühung um striktere Umweltauflagen und die Schließung illegaler Minen ist bislang nicht viel Nennenswertes passiert. Der größte Seltene-Erden-Produzent wurde mit einem Exportverbot belegt. Wohl eher ein Tropfen auf den heißen Stein.
Wir haben bei unseren Lieferanten die Herkunft des Neodyms in Erfahrung zu bringen versucht: China. Sodann haben wir bei einem chinesischen Magnetexporteur nachgefragt. Dieser trat zwar mit einem direkten Handelsangebot an uns heran, zu den Umständen der Gewinnung des von ihm eingesetzten Neodyms konnte oder wollte er jedoch keine nähreren Auskünfte geben. Nachdem wir schließlich eine Studie vom gemeinnützigen Freiburger „Öko-Institut e.V.“ über die Abtragung und Wiederaufbereitung von Seltenen Erden konsultiert hatten, sahen wir uns mit dem Befund konfrontiert, ein Produkt zu verkaufen, das unter Verwendung eines Rohstoffes fabriziert wird, dessen Gewinnung aller Wahrscheinlichkeit nach mit vermeidbaren und letztlich nur schwer zu vertretenden Schäden an Mensch und Umwelt einhergeht.
Seltene Erden. Selten kostbar. Selten nötig.
Also klarer Fall, raus damit aus dem Sortiment? So einfach ist die Sache nicht. Letztlich verursacht jedes von uns angebotene Produkt einen Verbrauch von Energie und Rohstoffen und Beeinträchtigungen der Umwelt und ist insofern in Frage zu stellen. Am Ende geht es fast nie um eine schwarz-weiße Entscheidung, sondern um eine fallweise, oft graduelle Abwägung zwischen Sinnhaftigkeit und Schädlichkeit, um die Betrachtung von wirtschaftlich und technisch verfügbaren Alternativen und um die generelle Frage der Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit. In diesem Entscheidungsprozeß gibt es nach unserer Erfahrung kaum starre Regeln und Kriterien. Ein Argument, das bei diesem Produkt zur Auslistung führen kann, wird bei jenem aus anderen starken, für eine Listung sprechenden Gründen vielleicht hingenommen. Die Frage, was ein gutes Produkt sein darf, ist eben keine einfache Frage. Wir verkaufen beispielsweise nicht nur zertifiziertes Holz oder nur Ökobaumwolle, arbeiten aber, wo immer sinnvoll machbar, darauf hin. Auch der Aufforderung von Tierschützern, unser Entenschießspiel aus dem Programm zu nehmen, sind wir nach reiflicher Überlegung und Diskussion nicht nachgekommen. Aus diesen Gründen gibt es bei uns – weder intern noch veröffentlicht – so etwas wie eine „Checkliste“ zur Entscheidung über die Aufnahme oder Ablehnung von neuen (oder bestehenden) Produkten in unser Sortiment. Um zu gewährleisten, daß eine Listung gerechtfertigt ist, versuchen wir, die etwaigen Nachteile und Mißstände eines Produktes und dessen Hintergründe in Erfahrung zu bringen. Dies geschieht sorgfältig, aber eben auch subjektiv und individuell. Als wir aber vor vielen Jahren zum ersten Mal die Magnete ins Sortiment aufgenommen haben, waren uns weder Neodym noch die Seltenen Erden in Gänze verdächtig – ganz im Gegenteil: Wir waren von den physikalischen Eigenschaften begeistert und haben die Problematik nicht erkannt. Nun ist für uns die Verwendung von Neodym in Haftmagneten für Büroordnungssysteme im Hinblick auf die problematischen Produktionsbedingungen und den nur geringen, für unseren Einsatz nicht entscheidenden Produktmehrwert nicht mehr hinreichend zu rechtfertigen. Der Mehrwert erschöpft sich im Vergleich zu anderen Materialien lediglich in einer geringeren Masse, also Größe. Das mag bei anderen, technischen Anwendungen von Neodym entscheidend sein, für das Anbringen von Notizzetteln auf Kühlschranktüren ist es das nicht. Seien Sie uns bitte nicht böse, wenn wir Ihnen zukünftig dieses (fast) gute Produkt vorenthalten – auch wenn Sie in dieser Situation (verständlicherweise) vielleicht anders entschieden hätten.